Gemeinsam erinnern im Museum – Ein Angebot für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen
Für Menschen mit Demenz sowie deren An- und Zugehörige werden im Kempten-Museum im Zumsteinhaus regelmäßig geführte und begleitete Touren in geschützter Atmosphäre angeboten. Ziel dieser besonderen Museumsbesuche ist es, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen und Räume zu schaffen, in denen Erinnerungen geweckt, persönliche Erfahrungen geteilt und soziale Kontakte gepflegt werden können. Die Führungen sind speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz abgestimmt und berücksichtigen sowohl kognitive als auch emotionale Aspekte.
Während der gemeinsamen Rundgänge durch die Ausstellungsräume des Museums erhalten die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mithilfe von Fotografien, ausgewählten Ausstellungsobjekten sowie musikalischen Impulsen an ihre Kindheit und Jugend zu erinnern. Vertraute Bilder, bekannte Gegenstände oder Melodien können dabei Erinnerungen wachrufen und Anknüpfungspunkte für Gespräche schaffen. Auch bereits Vergessenes kann auf diese Weise wiedererkannt oder neu entdeckt werden. Der Fokus liegt nicht auf Wissensvermittlung im klassischen Sinn, sondern auf dem gemeinsamen Erleben, dem Austausch und dem persönlichen Bezug zu den gezeigten Inhalten.
Die Führungen finden in kleinen Gruppen statt und werden von geschultem Personal begleitet. Dadurch entsteht eine ruhige und wertschätzende Atmosphäre, die Sicherheit vermittelt und individuelle Bedürfnisse berücksichtigt. Die Teilnehmenden werden ermutigt, sich aktiv einzubringen, eigene Erinnerungen zu teilen oder auch einfach zuzuhören. Ebenso willkommen sind Pausen oder Momente des Rückzugs, wenn diese benötigt werden. Auch An- und Zugehörige profitieren von dem Angebot, da sie ihre Familienmitglieder in einem neuen Kontext erleben und selbst Raum für Austausch finden.
Im Anschluss an den Rundgang schließt sich ein kreativer Teil des Nachmittags an. Hier sind alle Teilnehmenden eingeladen, selbst aktiv zu werden. Je nach Angebot kann gemalt, gestaltet oder mit Materialien gearbeitet werden, die an die zuvor gesehenen Inhalte anknüpfen. Der kreative Prozess steht dabei im Vordergrund, nicht das Ergebnis. Das gemeinsame Tun fördert die Konzentration, regt die Sinne an und stärkt das Gefühl von Gemeinschaft.
Den Abschluss des Nachmittags bildet ein gemütliches Beisammensein bei Kaffee und Kuchen. In entspannter Atmosphäre bleibt Zeit für Gespräche, Austausch und Begegnung. Diese Phase ist ein wichtiger Bestandteil des Angebots, da sie soziale Kontakte fördert und Raum für persönliche Gespräche schafft. Viele Teilnehmende empfinden diesen gemeinsamen Ausklang als besonders wertvoll.
Die ersten Führungen für Menschen mit Demenz fanden im Rahmen der Bayerischen Demenzwoche 2024 statt. Die Bayerischen Demenzwochen sind Teil der ressortübergreifenden Bayerischen Demenzstrategie der Bayerischen Staatsregierung. Ein zentrales Leitziel dieser Strategie ist die Verbesserung der aktiven Teilhabemöglichkeiten am sozialen und kulturellen Leben für Menschen mit Demenz. Kulturangebote wie die Führungen im Kempten-Museum leisten hierzu einen wichtigen Beitrag.
Vor diesem Hintergrund entwickelten Dr. Kerstin Batzel vom Kulturamt Kempten und Katrin Lörch-Merkle von der Hochschule Kempten im Jahr 2023 das Projekt Veranstaltungen für Menschen mit Demenz. Für dieses Engagement wurde das Kempten-Museum mit dem Förderpreis der Bayerischen Sparkassenstiftung „Vermittlung im Museum 2023“ ausgezeichnet.
Das Angebot findet in Kooperation mit dem Caritasverband Kempten Oberallgäu e.V., Beratungszentrum Pflege und Demenz, statt. Eine Anmeldung ist erforderlich und kann über das Online-Formular, per E-Mail an museen@kempten.de oder telefonisch unter 0831/2525-7777 erfolgen.
Foto: Hermann Rupp
In einer Zeit, in der der gesellschaftliche Umgang mit Demenz zunehmend an Bedeutung gewinnt, bietet das Kempten-Museum einen wertvollen Ansatzpunkt, um Inklusion und Gemeinschaftssinn zu fördern. Diese speziellen Führungen eröffnen nicht nur den Betroffenen selbst neue Perspektiven, sondern tragen auch dazu bei, das Bewusstsein in der breiteren Öffentlichkeit zu schärfen. In einer alternden Gesellschaft ist es entscheidend, dass Menschen mit Demenz nicht ausgegrenzt, sondern in den sozialen und kulturellen Kontext eingebunden werden. Die Touren im Museum zeigen, dass kulturelle Teilhabe nicht nur ein Recht, sondern auch eine Bereicherung für alle Beteiligten ist. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Erinnerungen und Emotionen wird ein Dialog angestoßen, der über die Museumswände hinausreicht und Impulse für ein empathischeres Miteinander setzt. 🤝
Die Bedeutung solcher Veranstaltungen liegt auch in ihrer Fähigkeit, Brücken zwischen den Generationen zu schlagen. Angehörige und Betroffene finden hier einen Raum, in dem sie sich auf Augenhöhe begegnen können. Das Teilen von Erinnerungen und der kreative Ausdruck fördern gegenseitiges Verständnis und schaffen Verbindungen, die im Alltagsstress oft verloren gehen. Der kreative Teil des Programms stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden, sondern ermutigt auch zu aktiver Mitgestaltung. So wird das Museum nicht nur zu einem Ort des Erinnerns, sondern auch zu einem lebendigen Zentrum der Begegnung und des Austauschs, das zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts beiträgt. 🎨