Literaturfestival Allgäu-Schwaben in Ottobeuren

Wenn ein universaler Geist wie Karl Schlögel auf sein eigenes Leben und seine geistigen Reisen zurückblickt, entsteht ein vielschichtiges Panorama aus Erinnerungen, Landschaften und historischen Räumen. Ausgangspunkt dieses Vortrags ist nicht eine Metropole, sondern ein Dorf: Hawangen, der Ort von Kindheit und Schulzeit. Von dort aus spannt Schlögel den Bogen zu den großen Schauplätzen Europas und der Welt. Zwischen Hawangen und der Erich-Schickling-Stiftung in Eggisried liegt das stille Günztal mit seinen Wiesen und Wäldern, scheinbar abgeschieden, ohne direkte Straße. Gerade dieses vermeintliche „Ende der Welt“ wird zum Denk- und Aussichtspunkt, von dem aus sich neue Perspektiven auf den Osten Europas eröffnen.

Im Zentrum des Abends steht Prag, jene Stadt, die Schlögel als „Metropole Mitteleuropas“ beschreibt. Prag ist für ihn mehr als ein geografischer Ort. Es ist ein historischer Resonanzraum, in dem sich Kulturen, Sprachen, politische Umbrüche und geistige Bewegungen über Jahrhunderte hinweg überlagert haben. Von dort aus führen seine gedanklichen Reisen weiter nach Osten und darüber hinaus. Schlögel verknüpft persönliche Erfahrungen mit historischer Analyse und literarischer Imagination. Alte Wege, frühe Eindrücke und spätere wissenschaftliche Erkenntnisse treten in einen Dialog, aus dem neue Zusammenhänge entstehen.

Karl Schlögel, Jahrgang 1948, studierte Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik an der Freien Universität Berlin. Nach seiner Promotion im Jahr 1981 arbeitete er zunächst als freiberuflicher Übersetzer, Publizist und Autor. 1990 wurde er auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz berufen, bevor er 1995 an die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) wechselte. Dort lehrte er bis 2013 und prägte Generationen von Studierenden mit seinem offenen, raumbezogenen Zugang zur Geschichte. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2025 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Der Vortrag in der Erich-Schickling-Stiftung fügt sich auf besondere Weise in diesen Denkweg ein. Die Stiftung, ein Gesamtkunstwerk des Künstlers Erich Schickling, verbindet Kunst, Architektur, Natur und Religion zu einem offenen Erfahrungsraum. In der ruhigen Landschaft des Günztals entsteht ein spannungsreicher Kontrast zu den urbanen Räumen, von denen Schlögel erzählt. Genau aus dieser Spannung heraus entwickelt sich der Reiz des Abends: aus der Begegnung von Provinz und Welt, Stille und Bewegung, persönlicher Erinnerung und europäischer Geschichte.

Reisen nach Prag und anderswohin ist ein Vortrag über Orte und Wege, über geistige Neugier und historische Tiefenschärfe. Karl Schlögel lädt dazu ein, Europa nicht nur als politische oder geografische Einheit zu betrachten, sondern als lebendigen Erfahrungsraum, der sich aus vielen Geschichten speist. Ein Abend für alle, die sich für Geschichte, Kultur und die Kunst des genauen Hinschauens interessieren.

 

Tickets gibts hier: https://lfas.de/tickets/

 

Foto: Phil Dera

Planet Allgäu empfiehlt diese Veranstaltung:

In einer Zeit, in der Europa zunehmend mit Fragen der Identität und Zugehörigkeit konfrontiert wird, erhält Karl Schlögels Perspektive auf die Metropole Prag und darüber hinaus eine besondere Relevanz. Seine Betrachtung der Stadt als „historischer Resonanzraum“ bietet einen Ansatz, um die komplexen Verflechtungen von Kulturen und Geschichten zu verstehen, die Europa prägen. Angesichts der aktuellen politischen Spannungen und der Debatten über nationale Grenzen und kollektives Gedächtnis, stellt Schlögels Darstellung eine Einladung dar, die Vielfalt und die gemeinsamen Wurzeln des Kontinents zu erkennen und zu schätzen. Seine Reisen und Erlebnisse illustrieren, wie historische Orte und Ereignisse immer wieder in die Gegenwart hineinwirken und neue Bedeutungen schaffen. 🌍

Der Vortrag in der Erich-Schickling-Stiftung trägt dazu bei, die Beziehung zwischen persönlicher Erinnerung und kollektiver Geschichte zu reflektieren. In einer Gesellschaft, die oft von Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit geprägt ist, bietet Schlögels Ansatz eine willkommene Gelegenheit zur Verlangsamung und Vertiefung. Die Begegnung mit den ruhigen, naturverbundenen Räumen des Günztals und der detaillierten historischen Erzählung eröffnet den Zuhörern die Möglichkeit, die eigene Wahrnehmung und das Verständnis von Raum und Zeit zu hinterfragen. Dies fördert nicht nur eine tiefere Verbindung zur eigenen Geschichte, sondern ermutigt auch zu einem bewussten und offenen Umgang mit den Geschichten anderer. Ein solcher Diskurs ist unerlässlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Förderung eines gemeinsamen europäischen Bewusstseins.

 
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Ort:
Erich-Schickling-Stiftung, Ottobeuren
Eintritt:
10 bis 15 Euro