Mit „Saloon – Das ist Familiensache“ legt Mia Oberländer eine Graphic Novel vor, die mit scharfem Blick, großer erzählerischer Freiheit und viel schwarzem Humor auf das scheinbar Vertraute schaut. Im Zentrum steht eine Familienfeier, wie sie viele kennen – und doch entwickelt sich aus dieser alltäglichen Situation ein ebenso komisches wie verstörendes Kammerspiel. In ihrer Lesung mit anschließendem Gespräch gibt die Autorin Einblicke in Entstehung, Themen und visuelle Sprache dieses besonderen Werks.
Ausgangspunkt der Handlung ist eine Einladung der Großmutter, die die Familie um sich versammelt. Die Tochter kehrt widerwillig in die Enge ihres alten Kinderzimmers zurück, ein Ort voller Erinnerungen und ungelöster Konflikte. Sohn eins liebt es, sich selbst reden zu hören, während seine Begleitung beharrlich schweigt und damit eine ganz eigene Spannung erzeugt. Sohn zwei hingegen ist unfähig, für sich oder andere einzustehen, was in starkem Kontrast zu seiner Frau steht, die permanent kurz vor dem Explodieren ist. Die Enkelkinder schließlich sind körperlich anwesend, aber gedanklich längst woanders.
Mit jeder Seite verdichtet sich die Atmosphäre. Kleine Gesten, Blicke und Sätze werden zu Triggerpunkten, passive Aggressionen schaukeln sich auf, und das fragile Gleichgewicht der Familie gerät zunehmend ins Wanken. Was zunächst harmlos beginnt, entwickelt sich zu einem emotional aufgeladenen Szenario, in dem sich alte Verletzungen, Machtspiele und unausgesprochene Erwartungen Bahn brechen. Immer wieder kippt die Situation ins Absurde, und genau hier entfaltet Mia Oberländers Erzählweise ihre besondere Kraft.
Eine zentrale, irritierende Frage zieht sich durch die Geschichte: Was macht eigentlich die Kassiererin des lokalen Supermarkts hier? Diese scheinbar nebensächliche Figur wird zum Katalysator des Geschehens und öffnet den Raum für einen furiosen, dadaistischen Showdown. Realität und Überzeichnung, Alltag und Groteske verschmelzen zu einer Erzählung, die vertraut wirkt und zugleich völlig aus dem Rahmen fällt. Oberländer spielt mit Wiedererkennung und Verfremdung und lädt dazu ein, das eigene Bild von Familie zu hinterfragen.
„Saloon – Das ist Familiensache“ erzählt von Dingen, die in nahezu jeder Familie vorkommen könnten – oder vielleicht doch nicht. Die Graphic Novel bewegt sich souverän zwischen Komik und Unbehagen, zwischen schmerzhaftem Wiedererkennen und befreiendem Lachen. Gerade in der Verbindung von Text und Bild entsteht eine Dynamik, die das Ungesagte sichtbar macht und Emotionen zugespitzt erfahrbar werden lässt.
Mia Oberländer ist Comic-Zeichnerin und Illustratorin. Sie wurde 1995 in Ulm geboren und lebt heute in Hamburg. An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg studierte sie Illustration und Grafische Erzählung. Für ihr Graphic-Novel-Debüt „Anna“ erhielt sie 2021 den Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung sowie einen Jugendliteraturpreis in der Kategorie „Neue Talente“. Mit „Saloon – Das ist Familiensache“ bestätigt sie ihre außergewöhnliche erzählerische Stimme und ihren eigenständigen grafischen Stil.
Tickets gibt es hier: https://lfas.de/tickets/
Foto: Alexandra Polina
In einer Zeit, in der die Definition von Familie immer diverser und facettenreicher wird, stellt „Saloon – Das ist Familiensache“ eine wichtige Frage: Wie beeinflussen unverarbeitete familiäre Dynamiken unser gegenwärtiges Handeln und unsere Beziehungen? Mia Oberländer gelingt es, den Mikrokosmos einer Familie als Spiegel größerer gesellschaftlicher Strukturen zu inszenieren. Die Graphic Novel wird so nicht nur zu einer Erzählung über individuelle Schicksale, sondern auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den unausgesprochenen Regeln und Erwartungen, die oft unbewusst das Familienleben prägen. Oberländers Werk ist eine Einladung, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen und den Mut zu finden, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen.
Die Veranstaltung bietet somit mehr als nur eine Lesung; sie ist ein Raum für Reflexion und Austausch über die universellen Themen, die uns alle betreffen. In einer zunehmend polarisierten Welt, in der der gesellschaftliche Zusammenhalt oft auf die Probe gestellt wird, können solche interaktiven Formate dazu beitragen, Empathie und Verständnis zu fördern. Indem sie die Zuschauer in die vielschichtige Welt ihrer Figuren eintauchen lässt, schafft Oberländer eine Gelegenheit zur Selbstreflexion und öffnet den Dialog über die Bedeutung von Familie in unserer heutigen Gesellschaft. So wird „Saloon – Das ist Familiensache“ zu einem unverzichtbaren Beitrag im Diskurs über menschliche Beziehungen und deren komplexe, oft widersprüchliche Beschaffenheit.