Literaturfestival Allgäu-Schwaben in Kaufbeuren

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Mit „Durchlöchert den Status quo – Ein Angriff auf die Alternativlosigkeit der Gegenwart“ legt Michael Hirsch ein ebenso provokantes wie ermutigendes Buch zur politischen Lage unserer Zeit vor. Ausgangspunkt ist eine Erfahrung, die viele teilen: Das Gefühl, dass ein Weiter-so unmöglich ist, während zugleich jede echte Alternative zum Bestehenden kaum mehr vorstellbar scheint. Klimakrise, soziale Spaltung und autoritäre Tendenzen machen deutlich, dass grundlegende Veränderungen nötig wären. Dennoch wirkt die politische Fantasie erschöpft, und genau dieses Vakuum wird zunehmend von rechten und antidemokratischen Kräften besetzt.

Michael Hirsch analysiert diese paradoxe Situation als Symptom einer tieferliegenden Krise demokratischer Vorstellungskraft. Die Idee, es gebe „keine Alternative“, hat sich so tief in das politische Denken eingeschrieben, dass selbst Kritik häufig im Rahmen des Bestehenden verharrt. Anstatt neue Horizonte zu eröffnen, kreist der Diskurs um Verwaltung, Schadensbegrenzung und die Verteidigung eines Status quo, der immer weniger Menschen überzeugt. Hirsch setzt hier an und versteht sein Buch als bewussten Angriff auf diese vermeintliche Alternativlosigkeit.

Gemeinsam mit dem politischen Theoretiker Kilian Jörg unternimmt er den Versuch, die linke politische Vorstellungskraft neu zu beleben. Inspiriert sind ihre Überlegungen vom Konzept der zu verteidigenden Zone, der sogenannten zone à défendre, kurz ZAD. Diese autonomen Zonen entstanden in verschiedenen Ländern als Orte des Widerstands gegen Großprojekte, Umweltzerstörung oder autoritäre staatliche Eingriffe. Hirsch und Jörg lesen sie nicht nur als Protestform, sondern als Laboratorien politischer Praxis, in denen neue Formen des Zusammenlebens, Entscheidens und Wirtschaftens erprobt werden.

Das Buch stellt dabei bewusst unbequeme Fragen. Was wäre, wenn der Staat das demokratische Potenzial autonomer Zonen nicht nur bekämpfen, sondern anerkennen und schützen würde? Was wäre, wenn Demokratie nicht primär als Verwaltung bestehender Verhältnisse verstanden würde, sondern als offener Prozess kollektiver Selbstbestimmung? Und was, wenn dem wachsenden Faschismus nicht mit bloßer Abwehr, sondern mit einer neuen, ernst gemeinten demokratischen Praxis begegnet würde, die Menschen wieder beteiligt und handlungsfähig macht?

„Durchlöchert den Status quo“ ist kein klassisches politisches Programm, sondern ein theoretischer Denkraum, der zum Widerspruch, zum Weiterdenken und zum Experimentieren einlädt. Hirsch argumentiert pointiert, analytisch scharf und zugleich mit einem klaren normativen Anspruch. Er plädiert dafür, Demokratie nicht als abgeschlossenes System zu begreifen, sondern als etwas, das immer wieder neu erfunden werden muss, gerade in Zeiten der Krise.

Michael Hirsch, geboren 1966, ist Philosoph, Politologe und Kunsttheoretiker. Er lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Siegen und lebt als freier Autor in München. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich mit Fragen von Demokratie, Kulturarbeit und gesellschaftlicher Transformation. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen „Kulturarbeit. Progressive Desillusionierung und professionelle Amateure“ sowie „Richtig falsch. Es gibt ein richtiges Leben im falschen“. Seine Texte verbinden theoretische Schärfe mit politischer Leidenschaft und richten sich an alle, die den Status quo nicht länger als alternativlos akzeptieren wollen.

Tickets gibts hier: https://lfas.de/tickets/

 

Foto: Peter Arun Pfaff

Planet Allgäu empfiehlt diese Veranstaltung:

Hirschs Werk trifft einen Nerv der Zeit, in der sich viele vom politischen System entfremdet fühlen. Der Begriff der "Alternativlosigkeit" hat eine resignative Akzeptanz hervorgerufen, die das Gefühl nährt, dass individueller Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen kaum noch möglich ist. In diesem Kontext entfaltet das Buch seine Stärke, indem es nicht nur die Symptome einer erschöpften demokratischen Fantasie beschreibt, sondern auch praktische Ansätze zur Überwindung dieser Blockade anbietet. Durch die Fokussierung auf ZADs als Experimentierfelder neuer Gesellschaftsformen wird eine bislang marginalisierte Debatte in den Vordergrund gerückt: Wie können wir in einer globalisierten Welt, die von komplexen und oft entmutigenden Herausforderungen geprägt ist, tatsächlich Veränderungen herbeiführen, die mehr sind als bloße Kosmetik? Hirsch und Jörg appellieren an die Verantwortung jedes Einzelnen, sich nicht mit der Rolle des Zuschauers zu begnügen, sondern aktiv an der Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft teilzuhaben.

Die Vorstellung, dass Demokratie ein fortlaufender Prozess ist, den es immer wieder neu zu erfinden gilt, lädt zu einer kritischen Reflexion über das eigene politische Engagement ein. In Zeiten, in denen autoritäre Tendenzen und Polarisierung zunehmen, bietet das Buch einen wertvollen Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Es ermutigt dazu, politische Partizipation nicht als Pflicht, sondern als Chance zu begreifen, um kollektive Resignation in kreativen Widerstand zu verwandeln. Durch die Betonung der Rolle individueller und gemeinschaftlicher Verantwortung wird deutlich, dass echte Veränderung nur dann möglich ist, wenn wir bereit sind, die Komfortzone des Status quo zu verlassen und uns auf das Wagnis einer aktiven Demokratie einzulassen.

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Ort:
Kunsthaus Kaufbeuren