Kempten berührt – Geschichte begreifen jenseits des Sehens
Kempten berührt ist eine besondere Museumsführung, die neue Wege der Wahrnehmung eröffnet und Besucherinnen und Besucher dazu einlädt, Geschichte und Kultur auf eine ungewohnte, intensive Weise zu erleben. Im Mittelpunkt steht dabei der bewusste Perspektivwechsel: weg vom ausschließlichen Sehen, hin zu einem Erleben mit den Händen und anderen Sinnen. Das Angebot richtet sich ausdrücklich an blinde und sehbeeinträchtigte Menschen, ist jedoch ebenso offen für alle Neugierigen, die ein Museum einmal jenseits des Visuellen erfahren möchten. Als inklusives Format ist die Führung für die ganze Familie geeignet und schafft einen gemeinsamen Erfahrungsraum für Menschen mit unterschiedlichen Wahrnehmungsvoraussetzungen.
Die Gruppengröße ist bewusst auf fünf bis acht Teilnehmende begrenzt. Diese überschaubare Anzahl ermöglicht eine ruhige, persönliche Atmosphäre, in der ausreichend Zeit für individuelles Erleben, Fragen und Austausch bleibt. Gerade bei einer Führung, die den Tastsinn in den Mittelpunkt stellt, ist diese Begrenzung von großer Bedeutung. Das haptische Erschließen von Objekten erfordert Aufmerksamkeit, Geduld und Konzentration. Formen, Materialien und Oberflächen wollen in Ruhe erkundet werden. Die Teilnehmenden werden daher eingeladen, sich bewusst auf das entschleunigte Tempo einzulassen und die Erfahrung ohne Zeitdruck zu genießen.
Die Tour führt durch das Kempten-Museum und konzentriert sich auf eine kleine Auswahl ausgewählter Exponate. Diese Objekte dürfen – ausgestattet mit Handschuhen – ertastet werden. Auf diese Weise wird Geschichte nicht nur vermittelt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar gemacht. Zu den Stationen der Führung zählen unter anderem eine Kopie des Meilensteins des römischen Kaisers Septimius Severus, ein Modell der Illerbrücke sowie verschiedene Heiligenfiguren. Durch das Tasten erschließen sich Proportionen, Strukturen und Materialien, die wichtige Hinweise auf Entstehungszeit, Funktion und Bedeutung der Objekte geben.
Besonders eindrucksvoll ist die Begegnung mit der Figur „Maria mit dem Jesuskind“ im Themenraum „Glaube“. Über den Tastsinn lassen sich hier nicht nur die dargestellten Personen erkennen, sondern auch ihre Haltung, ihre Beziehung zueinander sowie die feinen Details der Ausarbeitung. Die Skulptur vermittelt emotionale und symbolische Inhalte, die sich durch das bewusste Ertasten intensiv erschließen lassen und einen unmittelbaren Zugang zu religiöser Kunst ermöglichen.
Ein zentrales Anliegen der Führung ist es, den Fokus bewusst auf den Tastsinn zu lenken. Sehen wird dabei nicht ausgeschlossen, sondern relativiert. Sehende Teilnehmende haben die Möglichkeit, mithilfe von Simulationsbrillen oder Schlafmasken ihren Sehsinn für die Dauer der Führung einzuschränken. Diese freiwillige Erfahrung ermöglicht einen Perspektivwechsel und fördert das Verständnis für die Wahrnehmungswelt blinder und sehbehinderter Menschen. Gleichzeitig wird erfahrbar, wie differenziert, reichhaltig und aussagekräftig taktile Eindrücke sein können.
Kempten berührt versteht sich nicht nur als klassische Museumsführung, sondern als sinnliche Erfahrung. Formen, Oberflächen, Temperaturen und Materialien erzählen ihre eigenen Geschichten. Die Teilnehmenden entdecken, dass Objekte auch ohne visuelle Informationen viel über ihre Entstehung, ihre Nutzung und ihre kulturelle Bedeutung vermitteln können. Die Führung lädt dazu ein, langsamer zu werden, genauer hinzuspüren und die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Häufig entstehen dabei intensive Gespräche und neue Sichtweisen auf bekannte historische Inhalte.
Geleitet wird die Führung von der erfahrenen Museumsführerin Claudia Böhme. Sie studierte von 2006 bis 2012 Geschichte und Literaturwissenschaften an der Universität Augsburg und absolvierte anschließend ein Masterstudium in fachdidaktischen Vermittlungswissenschaften mit den Schwerpunkten Geschichte und Kunstpädagogik. Seit 2012 ist sie als Gästeführerin für die Regio Augsburg Tourismus GmbH sowie für Museen und Ausstellungen tätig. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Inklusion blinder und sehbehinderter Menschen in kulturelle Angebote.
Darüber hinaus ist Claudia Böhme seit 2013 als Autorin für Audiodeskription tätig und verfügt über umfangreiche Erfahrung darin, visuelle Inhalte sensibel und präzise sprachlich zugänglich zu machen. Seit 2016 arbeitet sie freiberuflich als Museumsberaterin und Kulturvermittlerin. Ihr Fachwissen, ihre didaktische Kompetenz und ihre große Sensibilität für unterschiedliche Wahrnehmungsformen prägen auch die Führung Kempten berührt und machen sie zu einem besonderen Erlebnis für alle Beteiligten.
Die Anmeldung zur Führung ist erforderlich und kann über das Online-Formular, telefonisch unter 0831 2525 7777 oder per E-Mail an museen@kempten.de erfolgen.
Foto: Christoph Klemens