Wendepunkte – Licht und Stein in der Kunsthalle Kempten

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Was macht die Figuren, die Thomas Lucker in Stein haut, so besonders, dass sie uns unmittelbar berühren? Es ist ihre paradoxe Spannung: Sie sind in Bewegung und zugleich statisch. Sie besitzen eine starke körperliche Präsenz und scheinen dennoch in einem Moment tiefer Innerlichkeit gefangen. Ganz im Augenblick verankert, wirken sie gleichzeitig wie im Aufbruch begriffen. Oft stellt sich beim Betrachten die Frage, ob wir Zeugen eines Wendepunkts sind. Der nächste Schritt scheint entscheidend – doch wohin führt er? Ist es ein Fallen oder ein Springen? Auf diese Fragen gibt es keine eindeutige Antwort. Vielmehr öffnen sich Deutungsräume, die vom Blick und von den Erfahrungen der Betrachtenden abhängen.

Luckers Motive sind Menschen: Menschen in Afrika, Menschen auf Schiffen, Gesichter, Körper, Figuren im freien Fall oder schwebend in der Luft. Bewegungen, die weder klar aufwärts noch eindeutig abwärts führen. Zustände des Übergangs, des Dazwischen. Genau dort setzt seine Kunst an. Sie zeigt keine abgeschlossenen Geschichten, sondern eingefrorene Momente, die jederzeit kippen könnten. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen sich in ihnen zu überlagern.

Diese besondere Sensibilität für Übergänge und Schwebezustände hat biografische Wurzeln. Thomas Lucker verbrachte seine Kindheit und Jugend auf See. Er kennt Aufbrüche und Abschiede, aber auch das lange Dazwischen – jene Zeit auf dem Meer, in der Erinnerung und Realität ineinanderfließen, in der Tage sich ähneln und dennoch jeder Moment von Bedeutung ist. Dieses Erleben prägt sein künstlerisches Denken bis heute. In seiner Arbeit gibt er sich nicht mit einer einzigen Ebene der Wirklichkeit zufrieden. Er verschränkt Dauerhaftes und Vergängliches, Materialität und Flüchtigkeit, Gegenständlichkeit und Erinnerung.

Besonders eindrucksvoll wird dies in seiner einzigartigen Technik sichtbar, mit der er Stein und Fotografie verbindet. Lucker belichtet Fotografien direkt auf Kalksteinskulpturen. So entstehen Werke, die buchstäblich „in Stein gemeißelt“ festhalten, was eigentlich nur für den Augenblick bestimmt ist. Seine Skulpturen sind keine bloßen Abbilder, sondern Einblicke – in Lebensmomente, innere Zustände und existenzielle Fragestellungen. Sie laden dazu ein, innezuhalten und sich der eigenen Wahrnehmung bewusst zu werden.

Thomas Lucker wurde 1959 in Osten an der Oste in eine Kapitänsfamilie geboren. Nach einer Ausbildung zum Steinbildhauer studierte er Kunst in Hannover. Seit 1995 lebt und arbeitet er als freier Künstler in Berlin. Neben seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit ist er als Restaurator tätig und wirkte unter anderem an bedeutenden Projekten im Pergamonmuseum und im Neuen Museum in Berlin sowie im Römisch-Germanischen Museum in Köln mit. Darüber hinaus war er auf archäologischen Ausgrabungen im Sudan und in Ägypten tätig und arbeitete in internationalen Projekten in Israel, Seoul, Rom und Istanbul. Gerade das Neue Museum in Berlin trägt wesentlich seine Handschrift.

Die Ausstellung im Stadtstadel Kempten zeigt einen eindrucksvollen Querschnitt durch Luckers Werk und lädt dazu ein, sich auf jene stillen, spannungsvollen Momente des Übergangs einzulassen, die seine Kunst so eindringlich machen.

Ausstellungsdauer: 23.01. bis 12.04.2026
Ort: Stadtstadel, Illerstraße 15, 87435 Kempten
Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, 13:00–16:00 Uhr


Persönliche Ausstellungsbesuche sind nach Vereinbarung über das Kontaktformular möglich. Wir freuen uns auf Ihren Besuch.

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In einer Zeit, in der unsere Welt von raschen Veränderungen und ständiger Bewegung geprägt ist, bietet Thomas Luckers Kunst eine seltene Gelegenheit zur Reflexion und zum Innehalten. Seine Skulpturen verkörpern den Zustand des Dazwischen, der uns an die Bedeutung von Übergängen in unserem eigenen Leben erinnert. In diesen Momenten, in denen sich die Vergangenheit mit der Zukunft überschneidet, liegt ein enormes Potenzial für persönliche und gesellschaftliche Transformation. Luckers Werke laden uns dazu ein, die Ungewissheit zu akzeptieren und die Schönheit im Unfertigen zu erkennen. Sie ermutigen uns, die Dualität von Bewegung und Stillstand, von Präsenz und Abwesenheit als wesentliche Bestandteile unseres Daseins zu betrachten.

In einer zunehmend polarisierten Welt, in der klare Antworten und feste Standpunkte oft gefordert werden, bietet Luckers Kunst einen Raum der Ambiguität und Offenheit. Sie fordert uns auf, die Komplexität menschlicher Erfahrungen anzuerkennen und die Vielschichtigkeit von Identität und Erinnerung zu erforschen. Indem wir uns auf die Übergänge einlassen, die seine Skulpturen darstellen, können wir nicht nur unsere eigene Perspektive erweitern, sondern auch Empathie und Verständnis für die Erfahrungen anderer entwickeln. So leistet die Ausstellung im Stadtstadel Kempten einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs, indem sie uns daran erinnert, dass in der Unsicherheit auch Hoffnung und Möglichkeit liegen. Luckers Arbeiten sind eine Einladung, den Moment zu schätzen und die verborgenen Geschichten hinter jedem Stein zu entdecken. 🌍🗿

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Ort:
Im Stadtstadel