Hyperinflation 1923 und die Entwicklung der Sparkasse in Kempten
Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 erlebte das Deutsche Kaiserreich eine Phase stabiler und „goldener“ Währungsverhältnisse. Die an den Goldstandard gebundene Mark galt bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 als solide und verlässlich. Diese Stabilität bildete die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und Vertrauen in das Geldsystem. Mit Beginn des Krieges änderte sich die Situation jedoch grundlegend. Die enormen Kriegskosten wurden überwiegend durch Kredite finanziert, was zu einer starken Ausweitung der Geldmenge führte. Nach der Niederlage Deutschlands und dem Friedensvertrag von Versailles verschärften Reparationsforderungen und politische Unsicherheiten die wirtschaftliche Lage zusätzlich.
In den Jahren nach dem Krieg verlor die Mark zunehmend an Wert, bis sich die Inflation 1922 und 1923 zu einer Hyperinflation steigerte. Besonders im Jahr 1923 verfiel die Währung nahezu täglich. Preise stiegen innerhalb von Stunden, Löhne mussten mehrmals am Tag ausgezahlt werden, und Geld verlor schneller an Wert, als man es ausgeben konnte. Auch in Kempten waren die Folgen dieser Entwicklung deutlich spürbar. Die Menschen versuchten, ihr Geld sofort gegen Waren einzutauschen, um den Wertverlust zu vermeiden. Sparguthaben, die über Jahre oder Jahrzehnte aufgebaut worden waren, wurden innerhalb kürzester Zeit praktisch wertlos.
Die staatlichen Notenpressen kamen mit dem Drucken immer höherer Geldbeträge kaum noch nach. Schließlich wurde das Ausgeben von Papiergeld selbst zum Problem, da es an Material und logistischen Möglichkeiten fehlte. In dieser Situation griffen viele Menschen notgedrungen auf Tauschgeschäfte zurück. Lebensmittel, Kleidung oder Brennmaterial wurden direkt gegen andere Waren oder Dienstleistungen getauscht. Der Alltag war von Mangel, Unsicherheit und Existenzangst geprägt. Der Überlebenskampf verlangte den Betroffenen psychisch wie körperlich enorme Kräfte ab.
Erst im Herbst 1923 gelang es, die Inflation zu stoppen. Mit der Einführung der Rentenmark wurde das Vertrauen in die Währung langsam wiederhergestellt. Dieses als „Wunder der Rentenmark“ bezeichnete Ereignis stabilisierte die wirtschaftlichen Verhältnisse und beendete die Phase der Hyperinflation. Auch in Kempten kehrte schrittweise wieder Normalität in den Zahlungsverkehr ein.
In engem Zusammenhang mit der Geldgeschichte steht die Entwicklung der Sparkasse in Kempten. Ihre Anfänge reichen weit zurück. Bereits am 15. Dezember 1825 gab es auf Anregung des Rechtsrats Balthasar Waibel erste Planungen zur Gründung einer Sparkasse. Ziel war es, weniger bemittelten Einwohnern die Möglichkeit zu geben, ihre Ersparnisse sicher anzulegen und durch Zinsen zu vermehren. Am 27. Januar 1826 genehmigte die königliche Regierung des Oberdonaukreises die Einrichtung der Sparanstalt.
Fast ein Jahrhundert lang blieb die Sparkasse Kempten ein reines Sparinstitut. Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1922 wurde ihr Aufgabenbereich erweitert. Das Wechsel- und Diskontgeschäft sowie der Handel mit Wertpapieren kamen hinzu. Im Mai 1923 wurde schließlich der erste Kredit vergeben. Damit wandelte sich die Sparkasse von einer reinen Sparanstalt zu einem modernen Institut des allgemeinen Geldverkehrs, das die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Kempten bis heute begleitet.