Literaturfestival Allgäu-Schwaben in Oberndorf

Mit seinem Roman „Strom“ entwirft Lucas Fassnacht eine düstere, bildgewaltige Welt, die zugleich fremd und erschreckend vertraut wirkt. Es ist eine Geschichte über Herkunft und Identität, über Macht und Verantwortung und über den Mut, sich gegen festgefügte Rollen und Erwartungen zu stellen. In eindringlicher Sprache verbindet Fassnacht Elemente der Fantasy mit existenziellen Fragen nach Selbstbestimmung und Schuld.

Die Welt, in der die junge Fiora aufwächst, ist geprägt von Trostlosigkeit. Sand, Fels und eine alles versengende Sonne bestimmen den Alltag. Wasser, Schatten und Hoffnung sind rar, und das Leben scheint von vornherein auf Entbehrung angelegt. Doch noch schwerer wiegt der Hass, der Fiora entgegenschlägt. Ihre Herkunft ist von einem dunklen Geheimnis umgeben, das sie zur Außenseiterin macht. Misstrauen und Ablehnung begleiten sie auf Schritt und Tritt und zwingen sie dazu, sich ständig zu behaupten.

Im Schatten ihrer Halbschwester Mara versucht Fiora, ihren eigenen Platz in dieser feindseligen Welt zu finden. Mara scheint alles zu verkörpern, was Fiora verwehrt bleibt: Anerkennung, Stärke und Zugehörigkeit. Der Wunsch, sich zu beweisen, treibt Fiora an und führt sie schließlich zu Meister Konstantin, dem einzigen Gelehrten der Stadt. Bei ihm beginnt sie eine Ausbildung, die ihr Wissen, Orientierung und vielleicht auch einen Ausweg aus ihrer Isolation verspricht.

Doch Konstantin ist nicht, wer er zu sein scheint. Die Energie, die durch ihn fließt, ist von ungeheurer Macht, stark genug, die Welt in Asche zu legen. Mit jeder neuen Erkenntnis gerät Fiora tiefer in ein Geflecht aus Geheimnissen, Lügen und verborgenen Kräften. Sie erkennt, dass es in dieser Welt nicht nur um Wissen, sondern um Kontrolle geht, um das richtige Maß zwischen Zerstörung und Bewahrung. Je näher sie der Wahrheit kommt, desto deutlicher wird, dass ihr eigenes Schicksal untrennbar mit dem der Welt verbunden ist.

Fiora muss herausfinden, wer sie wirklich ist. Dabei geht es längst nicht mehr nur um ihre persönliche Identität, sondern um eine Entscheidung von weitreichender Bedeutung. Ihre Herkunft, ihre Fähigkeiten und ihre moralische Haltung werden zur Schlüsselfrage für die Zukunft aller. „Strom“ erzählt von einer jungen Frau, die gezwungen ist, Verantwortung zu übernehmen, obwohl sie selbst kaum Halt erfahren hat. Die Geschichte entwickelt einen starken Sog und führt in eine Welt, in der jede Entscheidung Konsequenzen hat.

Lucas Fassnacht verbindet in seinem Roman poetische Bilder mit einer klaren, eindringlichen Erzählweise. Seine Sprache ist kraftvoll und präzise, seine Figuren vielschichtig und ambivalent. Die düstere Atmosphäre wird getragen von inneren Konflikten und ethischen Fragen, die weit über das Genre hinausweisen.

Lucas Fassnacht hat am Pforzheimer Theater gearbeitet, in Erlangen Sprachwissenschaften studiert und parallel die Poetry-Slam-Bühnen für sich entdeckt. Heute lebt und schreibt er in Nürnberg. Für sein literarisches Schaffen wurde er 2022 mit dem Nürnberger Kulturpreis ausgezeichnet. „Strom“ ist ein eindrucksvolles Beispiel für seine Fähigkeit, intensive Welten zu erschaffen und existenzielle Themen literarisch zu verdichten.

 

Tickets gibts hier: https://lfas.de/tickets/

 

Foto: Julia Steger

 

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In einer Zeit, in der sich viele Menschen mit Fragen ihrer eigenen Identität und Herkunft auseinandersetzen müssen, bietet „Strom“ eine literarische Bühne, um diese Themen in einer fiktiven, aber dennoch beunruhigend nahen Welt zu erkunden. Die Geschichte von Fiora spiegelt die Realität vieler wider, die sich in einer Gesellschaft wiederfinden, die von Vorurteilen und Misstrauen geprägt ist. Die Frage, wie viel Kontrolle ein Individuum über seine eigene Lebensgeschichte hat, ist von zentraler Bedeutung und wird durch die Figur von Fiora eindrucksvoll thematisiert. Lucas Fassnacht gelingt es, diese existenziellen Fragen mit einer Fantasiewelt zu verweben, die zugleich fremdartig und vertraut erscheint. Der Roman fordert seine Leser:innen auf, über die Grenzen von Herkunft und die damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen nachzudenken, und regt an, über die Verantwortung jedes Einzelnen im Geflecht sozialer Strukturen zu reflektieren.

Besonders in einer Zeit, in der Machtstrukturen und die Verteilung von Ressourcen weltweit im Fokus stehen, liefert „Strom“ eine eindringliche Metapher für die realen Herausforderungen unserer Welt. Die knappen Ressourcen in Fioras Welt sind nicht nur ein erzählerisches Element, sondern ein Spiegel für aktuelle globale Krisen, in denen Wasserknappheit und Umweltzerstörung zentrale Themen sind. Fassnachts Roman fordert dazu auf, über den eigenen Umgang mit Macht und Verantwortung nachzudenken und zeigt, wie eng persönliche Entscheidungen mit dem Wohl einer Gemeinschaft verbunden sein können. Leser:innen werden ermutigt, sich mit den ethischen Dilemmata auseinanderzusetzen, die in einer komplexen und oft unbarmherzigen Welt entstehen, und dabei die Bedeutung von Empathie und Solidarität zu erkennen.

 
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